Biologische und umweltbedingte Grundlagen


 

Inhalt

1 Genetische Grundlagen

2 Der Einfluss der Umwelt

3 Die Beziehung zwischen Vererbung und Umwelt

 

Basis für die Entwicklung eines Kindes sind die genetischen Grundlagen, die die Eltern den Kindern mitgeben und die Umwelt in der das Kind aufwächst. Bevor wir uns damit auseinandersetzen welchen Stellenwert die einzelnen Faktoren haben möchten wir auf die Gene etwas näher eingehen.

 

Genetische Grundlagen


Unser Körper besteht aus vielen Billionen Einzelteilen, den Zellen. Im Prinzip ist jede Zelle ein eigenständiges Lebewesen, denn es befindet sich in jeder ein eigenständiges Kontrollzentrum, der Zellkern. In diesem Zellkern befinden sich rutenförmige Strukturen, die wir Chromosomen nennen. Diese bewahren die genetischen Informationen und geben diese weiter. Die menschlichen Chromosomen bestehen aus 23 sich entsprechenden Paaren; Ausnahme ist das XY Paar bei den Männern. Jedes Teil eines Chromosomenpaares stimmt mit den anderen in Größe, Form und genetischen Funktionen überein. Eines ist von der Mutter, eines ist vom Vater vererbt.

Chromosomen bestehen aus einer chemischen Substanz, der DNA (Desoxyribonukleinsäure). Es ist fast unvorstellbar, dass die DNA einer einzelnen Zelle etwa 180 cm lang ist. Ein Gen ist ein Segment von DNA an der Längsseite der Chromosoms. Etwa 25.000 Gene mit einem Informationsgehalt von 750 MB machen uns zum Menschen.

Kleine Teile unserer genetischen Ausstattung haben wir mit den einfachsten Organismen gemeinsam. Große Teile z.B. mit anderen Säugetierarten (98% - 99% der DNA von Menschen und Schimpansen sind identisch). Es ist also nur ein Bruchteil unserer Erbinformationen für unsere besonderen menschlichen Fähigkeiten, wie der aufrechte Gang, die außergewöhnliche Sprache und unsere kognitiven  Fähigkeiten verantwortlich.

 

Der Einfluss der Umwelt


Es gibt viele Theorien in welcher Form und Stärke die Umwelt auf die Entwicklung des Menschen Einfluss nimmt. Mit Sicherheit stehen all diese Theorien auch unter dem Einfluss der kulturellen Wertvorstellungen und Überzeugungen ihrer Zeit.

Wir möchten für das 21. Jahrhundert die Ökologische Systhemtheorie nach Urie Bronfenbrenner als Grundlage nehmen. Diese liefert die wohl differenzierteste und genaueste Beschreibung der umweltbedingten Einflüsse. Die Ökologische Systemtheorie betrachtet den Menschen als ein sich in einem komplexen System von Beziehungen entwickelndes Wesen, wobei diese Beziehungen auf verschiedenen Ebenen von der Entwicklungsumgebung beeinflusst werden.

 

Wie die Abbildung deutlich macht, betrachtet Bronfenbrenner die Umwelt als eine Abfolge wechselseitig einwirkender Strukturen wie Eltern und Familie, Nachbarschaft, Schule, Arbeitsplatz usw., die aber dennoch über diese Lebensumwelten des Einzelnen hinausreichen. Jede dieser Schichten der Umwelt hat große Auswirkungen auf die Umwelt.


Das Mikrosystem

Für den Säugling oder das Kleinkind ist das Microsystem anfangs das einzig relevante. Es ist die innerste Schicht und besteht aus Aktivitäten und Beziehungsmustern der unmittelbaren Umgebung des kleinen Menschen. Wie haben also ein Mikrosystem zu Mutter und Vater. Wichtig ist hierbei, dass alle Beziehungen im Mikrosystem bidirektional verlaufen. Also sowohl von den Eltern zum Kind, als auch vom Kind zu den Eltern.

Wir möchten dies an Hand eines Beispiels erklären: Ein freundliches und aufmerksames Kind wird aller Wahrscheinlichkeit nach positive und geduldige Reaktionen seiner Eltern hervorrufen. Ein aktives, unaufmerksames Kind wird dagegen eher Ungeduld oder Bestrafung erfahren. Wenn diese bidirektionalen Wechselwirkungen häufig vorkommen, haben sie eine dauerhafte Auswirkung auf die Entwicklung. Aber auch die Eltern, als Teil dieses Microsystems beeinflussen die Beziehung zum Kind. Sind sie unterstützend verbessert sich die Beziehung. Ermutigen sich die Eltern gegenseitig in ihren unterschiedlichen Rollen bei der Kindererziehung, so wird die Erziehung durch beider Anteil erheblich wirksamer. Im Gegensatz dazu kann ehelicher Konflikt mit inkonsequenter Bestrafung und feindlichen Reaktionen gegenüber dem Kind einhergehen. Das Kind reagiert dann zumeist feindselig und die Anpassung von Eltern und Kind leidet darunter.

Wird der Säugling älter entwickeln sich mehr Microsysteme. Zuerst sind dies natürlich die nahen Verwandten wie Oma und Opa, evtl. die KITA und die Nachbarschaft.



Das Mesosystem

Das Mesosystem beschäftigt sich mit den Wechselwirkungen der einzelnen Microsysteme. So ist zum Beispiel das Verhalten des Kindes in der KITA nicht allein abhängig von den dort stattfindenden Aktivitäten. Das Verhalten wird auch durch die Eltern gefördert, die sich in das ausserhäusliche Leben einbringen und mit einem gewissen Ausmaß dieses auch in das Familienleben Eingang findet. Besonders wichtig wird das Mesosystem, wenn das Kind einmal zur Schule geht. Andererseits haben die Geschehnisse in dem Beispiel der KITA auch Auswirkungen auf das Leben des Kindes zu Hause. Wir kennen dies alle: Wie gut wir in der Partnerschaft oder Familie funktionieren wird immer beeinflusst von unseren Beziehungen am Arbeitsplatz oder umgekehrt.


Das Exosystem

Das Exosystem wirkt nur passiv auf das Kind ein aber aktiv auf die Eltern. Es sind die sozialen Rahmenbedingungen, die in unserem Fall Unterstützung bei der Kindererziehung bieten und so indirekt die Entwicklung von Eltern und Kind fördern. Dies können Unterstützung von  Freunden und Verwandten oder z.B. mütterfreundliche Bedingungen am Arbeitsplatz sein. Die Forschung bestätigt die negative Auswirkung eines nicht funktionierenden Exosystems. Sozial isolierte Familien, mit wenigen persönlichen oder gesellschaftlichen Bedingungen oder die von Arbeitslosigkeit betroffen sind, weisen mehr eheliche Konflikte und Kindesmisshandlungen auf als Familien, deren Exosystem intakt ist.



Das Makrosystem

Das Makrosystem beinhaltet die Wertvorstellungen, Gesetze, Sitten und Gebräuche und die Ressourcen einer Kultur. Die Priorität, die im Makrosystem den Bedürfnissen von Kindern beigemessen wird, hat eine direkte Auswirkung auf die Unterstützung aus den inneren Schichten der Entwicklungsumwelt. Beispielsweise werden in Ländern, die einen hohen Standard bei der Kinderbetreuung und den Sozialleistungen am Arbeitsplatz fordern, Kinder eher günstige Erfahrungen in ihrer unmittelbaren Entwicklungsumwelt machen.



Das Chronosystem

Veränderungen in den Ereignissen des Lebens können von außen an den Menschen herangetragen werden. Alternativ können sie auch von innen heraus entstehen, da der Mensch sich viele seiner Rahmenbedingungen und Erfahrungen selbst schafft. Der Mensch ist also sowohl Produkt als auch Produzent seiner eigenen Umwelt. Wichtig hierbei ist jedoch, dass ein Säugling oder auch ein Kleinkind kaum in der Lage ist als Produzent in Erscheinung zu treten. Es ist eher ein Produkt und genau deshalb sind die ersten Lebensjahre für die weitere Entwicklung so wichtig.


Bronfenbrenner zufolge ist die Umgebung keine statische Macht, die den Menschen auf vorgegebene Art und Weise beeinflusst. Die Veränderungen sind dynamisch und selbst in Veränderungen begriffen. Jedes Mal, wenn der Einzelne Rollen oder Rahmenbedingungen in seinem Leben übernimmt oder aufgibt, ergeben sich Änderungen in der Bandbreite des Mikrosystems. Diese Veränderungen finden das ganze Leben hindurch statt und sind oft wichtige Wendepunkte für die Entwicklung.

 

Die Beziehung zwischen Vererbung und Umwelt


Häufig wird die Frage gestellt, wie viel Prozent eines Menschen auf Vererbung und auf die Umwelt entfällt. Alle zeitgenössischen Forscher stimmen darin überein, dass beide Faktoren an jedem Aspekt der menschlichen Entwicklung beteiligt sind.  Die meisten gehen sogar davon aus, dass sie untrennbar miteinander verbunden sind, sie arbeiten zusammen. Wir sind also trotz umfangreicher Studien weit davon entfernt diese Faktoren in Zahlen aufschlüsseln zu können.



Die wichtige Frage, welche sich danach stellt ist, wie natürliche Veranlagung und Entwicklungsumwelt zusammenarbeiten. Immer mehr Belege weisen darauf hin, dass das Verhältnis zwischen Vererbung und Umgebung keine Einbahnstraße von Genen zur Umwelt und zum Verhalten ist. Es geht in zwei Richtungen: Gene beeinflussen das Verhalten und die Erfahrungen der Menschen, aber gleichzeitig beeinflussen ihre Erfahrungen und Verhaltensweisen die Entfaltung der genetischen Programme. Stimulierung, sowohl innerhalb der Person und von außen auf die Person wirkend, löst Genaktivität aus. Forscher nennen diese Sicht der Beziehung zwischen Vererbung und Umwelt den epigenetischen Rahmen (Abbildung rechts).

Ein Beispiel: Wenn Sie Ihrem Baby gesunde Nahrung gewähren, führt diese zu vermehrtem Wachstum des Gehirns, was wiederum zu neuen Verbindungen zwischen Nervenzellen führt, welche den Ausdruck der Gene transformieren. Dies eröffnet neue Austauschmöglichkeiten zwischen Genen und Umwelt, zum Beispiel vermehrte Erkundung von Objekten und Interaktion mit Personen, was wiederum das Gehirnwachstum und den Ausdruck der Gene fördert. Diese fortlaufenden Einflüsse in zwei Richtungen begünstigen die kognitive und soziale Entwicklung. Im Gegensatz dazu kann eine schädliche Umwelt die Genentwicklung einschränken, zeitweise so stark, dass spätere Erfahrungen wenig dazu beitragen können, Merkmale (wie Intelligenz) zu verändern, die zu Beginn formbar waren.

Einer der Hauptgründe des Interesses am Thema Veranlagung und Umwelt besteht darin, dass die Forscher die Umwelt so verbessern möchten, dass die Menschen sich so weit und gut wie möglich entwickeln können. Das Konzept der Epigenese zeigt uns, dass Entwicklung am besten verstanden wird als eine Reihe von Austauschprozessen zwischen Veranlagung und Umwelt. Obwohl Menschen nicht in jeder Weise verändert werden können wie es vielleicht wünschenswert wäre, kann die Umgebung genetische Einflüsse modifizieren. Der Erfolg eines jeden Versuches, die Entwicklung zu verbessern, hängt ab von den Merkmalen, die verändert werden sollen, von der genetischen Ausstattung des Individuums und von der Art und dem Zeitpunkt einer Intervention.

Zwar sind alle genetischen Informationen in der DNA und ihrem genetischen Code gespeichert. Allerdings werden nicht alle diese Information auch benutzt. So wie wir zu Hause Informationen unterschiedlich speichern, beispielsweise in einem Fotoalbum in einer Truhe auf dem Speicher oder auf einem Zettel auf dem Küchentisch, ist die Zugänglichkeit zu dieser Information unterschiedlich gut. Ein ähnliches Prinzip wirkt auch in der Epigenetik, bei der die Information von Genen je nach Zelltyp mal besser, mal schlechter erreichbar sei und daher genutzt oder nicht genutzt werde. Die Epigenetik ist als sozusagen der Mittler zwischen Genom und Umwelt und es ist heute der Nachweis erbracht, dass Umwelteinflüsse Gene ein- oder ausschalten können. Wir möchten Sie an dieser Stelle ermutigen sich etwas Zeit zu nehmen. Über den unten stehenden Link gelangen Sie zu einer sehr interessanten Videoreihe des Biologen Bruce Lipton, die diese Mechanismen sehr gut erklärt.

 

Als Mitglied unserer Community können Sie Fragen zu diesem Thema in diesem Forum stellen. Auch für weitere Anregungen sind wir dankbar.

Weitere Informationen zu diesem Thema zur Ansicht oder Download:

Video: WIE WIR WERDEN, WAS WIR SIND - Bruce Lipton Teil 1 Die weiteren Folgen erreichen Sie dann über unsere Videothek.