Intelligenz (von lat. intellegere 'verstehen', wörtlich 'wählen zwischen...' von inter 'zwischen' und legere 'lesen, wählen') ist in der Psychologie ein Sammelbegriff für die kognitiven Fähigkeiten des Menschen, also zu verstehen, zu abstrahieren und dabei Wissen und Sprache einzusetzen. Es gibt keine von allen Psychologen geteilte, eindeutige Definition von Intelligenz. Stattdessen existieren verschiedene Intelligenzmodelle. Es gibt auch renommierte Forscher, die die These vertreten, dass der Mensch über multiple Intelligenzen verfüge, die vollkommen miteinander unkorreliert sind oder gar eine negative Korrelation miteinander aufweisen („wer gut in Mathe ist, ist unsportlich“). Nach derartigen Theorien ist es nicht möglich, Menschen hinsichtlich ihrer Intelligenz in eine Reihenfolge zu bringen, da jeder in etwas exzellent ist. Ein bekannter Vertreter dieser Theorie ist beispielsweise Howard Gardner.

Häufig wird Intelligenz mit hohem Wissen verknüpft. Dies ist jedoch nicht zwangsläufig der Fall. Menschen hoher Bildung sind nicht automatisch intelligent.

Der Wunsch nach einem intelligenten Kind ist natürlich. Unabhängig von den genetischen Vorraussetzungen stellt sich die Frage, ob und wie dieses Potential ausgeschöpft werden kann. Mit anderen Worten: Ist Intelligenz planbar?

Intelligenz findet in unserem Gehirn statt, dem wohl komplexesten materiellen Gebilde des uns bekannten Universums. Ein Biocomputer und Intelligenzgenerator, der rund drei Milliarden Rechenoperationen pro Minute durchführen kann. Hieraus entstehen Phänomene, die wir als Bewusstsein, Denken und Verstand bezeichnen. Bei diesen Rechenoperationen setzt das Gehirn zwischen 20 und über 40 % unseres gesamten Kalorienbedarfes um - ein Hochleistungsmotor mit Turbolader.

Intelligenz muss sich entwickeln und hierbei bedarf es einiger Grundbedürfnisse, die das Leben dem Gehirn erfüllen muss. Naheliegend sind der Bedarf von ausreichend Essen, Trinken und Schlaf. Dies wissen wir aus unserer eigenen Lebenserfahrung. Sind wir mit einer dieser Komponenten nicht ausreichend versorgt, sind wir nicht nur physisch, sondern auch psychisch weniger leistungsfähig. Es gibt jedoch Bedürfnisse, die hierüber hinausgehen und vor allem zwei sind von entscheidender Bedeutung für die Frage, wie ein Gehirn in seiner Entwicklung auf Intelligenz programmiert wird.

Die Hand der Mutter, die liebevoll über den Kopf ihres Kindes streicht, gibt ihm nicht nur das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit. Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder, die viel gestreichelt werden und mit denen gespielt wird aufmerksamer und neugieriger sind und zudem besser mit Stress fertig werden. Im Gehirn des Kindes ereignet sich ein beispielloses neurales Feuerwerk, denn Berührungen wirken wie ein Schlüsselreiz auf die Neuronen, sich zu vernetzen. Kinder, die behütet aufwachsen, weisen wesentlich komplexere neuronale Netzwerke auf. Und diese Netzwerke entscheiden über die grundlegenden intelligenten Fähigkeiten des Gehirns: Sprachvermögen, analytischer Verstand und verknüpftes (kreatives) Denken. Anders ausgedrückt: Wie intelligent ein Mensch später werden wird, wie erfolgreich seine Lernbemühungen sind, hängt wesentlich davon ab, wie viel Zuwendung er in frühen Jahren bekommen hat.

Musik ist das zweite Grundbedürfnis eines intelligenten Gehirns. Keine andere Tätigkeit verändert die neuronalen Strukturen unseres Denkorgans so nachhaltig wie Musik. Interessanterweise gilt dies (in verstärktem Maße) für das Erlernen eines Musikinstruments, aber auch fürs Musikhören. Musizieren sorgt für regelrechte Anbauten in bestimmten Gehirnteilen. Der Umgang mit Musik verbessert die analytische (mathematische) Intelligenz um bis zu 50 %. Wenn ihr Kind später in die Schule geht bedeutet das im Umkehrschluss: Wer intensiv Mathe paukt, macht nur mühsam Fortschritte. Wer dagegen sein Gehirn musikalisch trainiert, erfasst und lernt mathematische Zusammenhänge mit spielerischer Leichtigkeit. Und: Musik lässt das Gehirn früher reifen. Kinder, die Musik machen, sind ihren Altersgenossen um ein bis eineinhalb Jahre  in der geistigen Entwicklung voraus.

Intelligenz entsteht immer dann, wenn wir kreativ mit unserem Wissen umgehen. Der Wissenserwerb unseres Gehirns erfolgt in drei Schritten:

Über Augen, Ohren, Nase oder Tastsinn nehmen wir eine Information auf. Diese wird neuronal verschlüsselt und an den Hippocampus weitergeleitet, eine kleine Ausstülpung des Schläfenlappens. Der Hippocampus ist eine Art Schleuse des Lernens. Hier sind junge Neuronen bei der Arbeit. Sie sind nicht zu eingefahrenen neuronalen Schaltkreisen verknüpft. Das bedeutet, im Hippocampus sind die Nervenzellen besonders aufnahmefähig, flexibel und unvoreingenommen. Neue Gedanken und Eindrücke werden hier zunächst gespeichert. Aber nur kurz. Alles was für wichtig erachtet wird, wird weitergeleitet in den Neocortex. Der Neocortex ist das große Archiv unserer Gedanken, Gefühle und Erfahrungen. Das Reich des Unbewussten, gewissermaßen die Festplatte unseres Gehirns. Hier befindet sich auch das Langzeitgedächtnis. Wichtige neue Informationen sind jetzt also im Cortex abgespeichert und werden bei Bedarf jederzeit wieder abgerufen. Aus Daten werden so Erinnerungen und Erfahrungen.

Ob unser Gehirn jedoch bestimmte Informationsmuster immer wieder gleich abruft oder ob sie variiert werden, entscheidet ob wir stereotyp oder kreativ werden. Erst dieses assoziative Denken ermöglicht uns, neue Zusammenhänge zu erkennen, neue Ideen zu entwickeln, neue Lösungen für Probleme zu finden. Und diese Fähigkeiten kann man bereits in den ersten beiden Lebensjahren wie oben beschrieben fördern (siehe "Die kognitive Entwicklung im Säuglings- und Kleinkindalter). Jedoch auch die Stimmung hierbei ist wichtig. Untersuchungen ergaben, dass positive Stimmungen unser Gehirn offenbar intelligenter machen - und zwar augenblicklich, ohne längere Lernprozesse. Gut gelaunte Menschen können wesentlich kreativer denken. Und auch der Umkehrschluss stimmt: Stress und negative Stimmungen machen unser Gehirn unflexibler, also dümmer. Neurologische Studien ergaben, dass sich stark anhaltender Stress (vor allem bei Kindern) negativ auf den Hippocampus auswirkt. Folgen sind verminderte Lernbereitschaft, unflexibleres Denken, Verweigerung, Aggressionen, ein Gefühl der Überforderung.

 

In seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" hat sich der ehemalige Berliner Finanzsenator und Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin mit Intelligenz intensiv auseinandergesetzt. Einige seiner Thesen wurden als rassistisch oder diskriminierend abgewertet. Einer wissenschaftlichen Betrachtung können seine Äußerungen aber sehr wohl stand halten. FAZ.NET bat die Entwicklungspsychologen und Begabungsforscher Heiner Rindermann und Detlef Rost, die auch Sarrazin als Quelle dienten, seine wichtigsten Thesen in Bezug auf Intelligenz zu bewerten. WIr geben den Inhalt von FAZ.NET hier wortgetreu wieder, denn es werden Fragen geklärt, die wohl die meisten Eltern interessiert.

 

1. Intelligenz und die Auswirkungen von Erb-  und Umwelteinflüssen


"Zur Erklärung, warum sich einzelne Personen voneinander unterscheiden, sind merkmale der familiären Umwelt von großer Bedeutung: Hinter elterlichen Bildungs- und Erziehungsmerkmalen, bildungsmaterieller Ausstattung und Quantität wie Qualität von Gesprächen der Familienmitglieder untereinander können aber auch unerkannte genetische Faktoren stehen. Aufgrund vieler Zwillings-, Adoptions- und Petchworkfamilienstudien aus unterschiedlichsten Ländern wissen wir, dass sich Intelligenzunterschiede von Menschen zu fünfzig bis achtzig Prozent durch genetische Faktoren aufklären lassen; bei Älteren und unter günstigen Umweltbedingungen ist der Einfluss genetischer Faktoren auf die interviduelle Variabilität kognitiver Leistungen stärker als bei jüngeren Kindern und ungünstigen Umweltbedingungen. Die von Sarrazin angeführten Zahlen, die sich auf die Bedeutung der Genetik für Intelligenzunterschiede beziehen, sind korrekt.

Für das Intelligenzwachstum ist dagegen das Bildungssystem (Krippe, Kindergarten, Schule, Universität) ein entscheidender Faktor. In der Kindheit und Jugend nimmt die kognitive Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen immer weiter zu, und zwar pro Jahr um ca. fünf IQ - Punkte. Rund achtzig Prozent dieses Intelligenzzuwachses gehen auf das Konto der Schule.

Wie man zu dieser Erkenntnis gelangt? Sie ist nicht einfach zu gewinnen, weil in praktisch allen Schulsystemen das Lebensalter und die Schulbesuchsdauer miteinander konfundiert sind. Kinder werden älter, gleichzeitig gehen sie entsprechend länger zur Schule. Was ist der dominante Wirkfaktor für den Zuwachs an kognitiver Leistungfähigkeit? Das Alter? Die Dauer des Schulbesuchs?

Bedingt durch die Stichtagsregelung bei der Einschulung befinden sich in jeder Schulklasse jüngere und ältere Kinder; die jüngsten und ältesten eines Schuljahrgangs weisen eine Lebensalterdifferenz von bis zu zehn Monaten auf, sieht man einmal von vorzeitig Eingeschulten oder Sitzengebliebenen ab. Der Vergleich der Testleistungen solcher Schülergruppen mit unterschiedlicher Beschulungsdauer zum Zeitpunkt ihres zehnten Geburtstags belegt, dass jeder absolvierte Schulmonat je nach Tests zu einem Intelligenzzuwachs von etwa 0,2 bis 0,5 IQ - Punkten führt. Das führt zur Erkenntnis, dass etwas zwanzig Prozent des individuellen Intelligenzzuwachses auf Reifungseffekte und außerschulischen Anregungen, aber fast achtzig Prozent auf den genossenen Untericht zurückführbar sind.

Die Relevanz dieses Befundes im Zusammenhang mit der Förderung kognitiv benachteiligter Migrantenkinder ist offensichtlich. Unterricht ist aus Sicht der Psychologie ein besonders intensives, besonders breit und besonders langfristig angelegtes und damit besonders nachhaltiges Trainingsprogramm. Unterrichtserfolg hängt dabei nicht nur von Techniken der Klassenführung und der Didaktik und damit von Kompetenzen der Lehrkräfte ab, sondern auch von dem, was die Schüler mitbringen: Gute Schulen sind auch wegen ihrer guten Schüler gut. Schwache und schwierige Schüler benötigen besonders gut ausgebildete und engagierte Lehrkräfte."

 

2. Intelligenz und Wohlstand


Dass kognitive Kompetenzen nicht wenig mit nachhaltigem Wirtschaftserfolg zu tun haben, stellt die Grundlage der durch die Wirtschaftsorganisation OECD durchgeführten Pisa - Studien dar. Empirische Untersuchungen belegten enge Zusammenhänge zwischen kognitiven Kompetenzen - seien sie durch Intelligenztests oder durch Schulleistungen gemessen - und dem Bruttoinlandsprodukt wie dem Wirtschaftswachstum. Unklar ist jedoch der Ursache - Wirkungs - Zusammenhang: Führt Intelligenz zu Wohlstand, oder ist es vielmehr umgekehrt, hat Wohlstand eine bessere Intelligenz zur Folge? Stehen vielleicht hinter diesem Zusammenhang unbekannte weiche Faktoren?

Erst bei einer Feinanalyse der Zusammenhänge wird deutlich, dass insbesondere das Fähiskeitsniveau der etwa fünf Prozent kognitiv Leistungsfähigsten einer Gesellschaft besonders relevant ist, weil diese Personen für technische Innovationen und deren Adaption, für die Steuerung in Betrieben und Verwaltungen und für die Funtionalität komplexer Systeme die größte Verantwortung tragen. Außerdem sind kognitive Kompetenzen von der Qualität der Erziehung und Bildung abhängig. Intelligenz ist immer ein in Kausalnetze eingebundener Faktor. Je komplexer ein Wirtschaftssystem ist, desto mehr hängen seine Erfolge von kognitiven Kompetenzen ab.

Daneben sind Bildung und Kompetenzen auch für politische Einstellungen und Institutionen bedeutsam, für Toleranz, Liberalität, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Mehrheitsprinzip und Entscheidungsfindung über Wahlen implizieren, dass die Mehrheit der Wähler erkennen kann, was gut für sie und das Land ist, dass abweichende Meinungen toleriert werden und dass Personen bestimmte demokratische Werthaltungen teilen. Größere Untersuchungen zur kognitiven Epidemiologie haben belegt, dass Bildung und Intelligenz, auch unabhängig vom Wohlstand, positiv mit Gesundheit und Lebenserwartung zusammenhängen. Internationale Unterschiede in der HIV - Belastung lassen sich beispielsweise besser durch Unterschiede in der Bildung und Intelligenz erklären als durch Wohlstandsdivergenzen. Intelligentere Personen verhalten sich dank Einsicht und Wissen im Durchschnitt gesünder und verfügen über eine höhere biopsychische Systemintegrität. Nicht zuletzt ermöglicht Intelligenz über den Erfolg in Ausbildungssystemen und Beruf, in gesündere Umwelten zu gelangen.

In all diesen Wirkprozessen dürfen die vielfach belegten Zusammenhänge mit der allgemeinen Intelligenz nicht deterministisch interpretiert werden; eine höhere Intelligenz erhöht lediglich Wahrscheinlichkeiten für positive Effekte und senkt diese für Risiken. Die Genese von Intelligenz ist weniger auf ökonomische Faktoren als auf kulturell - pädagogische und auf heute im Einzelnen noch unbekannte genetische Determinanten zurückführbar. Damit steht diese Position einem deterministischen Sozialkausalmodell entgegen: Nicht äußere, vom Individuum, einer Familie oder einer Gesellschaft unbeeinflussbare Faktoren, sondern interne, mindestens teilweise veränderbare Faktoren, sind entscheidend. Diese gegensätzlichen Denkweisen sind vieleicht auch mitverursachend für die Heftigkeit der Diskussion um Sarrazins Buch.

 

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