Die körperliche Entwicklung im Säuglings- und Kleinkindalter


 

 Inhalt

1 Die Entwicklung des Gehirns

2 Das körperliche Wachstum

3 Die ersten Erfahrungen des Kindes

4 Die motorische Entwicklung

5 Die Entwicklung der Wahrnehmung

6 Zahnen

 

Der Körper des Säuglings und des Kleinkinds unterliegt enormen Veränderungen, die während der ersten beiden Lebensjahre schneller vonstatten gehen, als in irgendeinem anderen postnatalen Lebensabschnitt. Dies ist der Grund, warum die Kleinen so viele Fähigkeiten entwickeln können.

Während des Wachstums in den ersten beiden Lebensjahren entwickeln sich verschiedene Bereiche des Körpers unterschiedlich schnell. Während der pränatalen Phase entwickelt sich der Kopf schneller als der Rumpf. Er nimmt etwa 25 % der Gesamtgröße in Anspruch, während die Beine nur etwa ein Drittel in Anspruch nehmen. Jedoch holt der Rumpf mit der Zeit auf und schon im Alter von zwei Jahren machen die Beine die Hälfte der Gesamtgröße aus und der Kopf noch etwa 20 %. Das Wachstum von Händen und Füßen liegt gegenüber dem von Armen und Beinen etwas zurück.

Wir werden später sehen, dass auch die motorische Entwicklung gemäß diesen Entwicklungsrichtungen läuft.



Die Entwicklung des Gehirns


Die Größe des Gehirns ist bei der Geburt seiner endgültigen Größe im Erwachsenenalter näher als jedes andere Körperteil. Und es entwickelt sich auch in den ersten beiden Lebensjahren mit erstaunlicher Geschwindigkeit weiter. Hauptgrund für dieses Hirnwachstum ist vor allem die Entwicklung der Neuronen.Von diesen Neuronen, auch Nervenzellen genannt, hat das Gehirn zwischen 100 und 200 Milliarden. Im Gegensatz zu anderen Körperzellen sind Neuronen nicht eng aneinander gebunden. Zwischen den einzelnen Nervenzellen befinden sich kleine Zwischenräume, Synapsen genannt. Ohne direkt aneinander zu koppeln kommen hier die einzelnen Zellen zusammen. In den synaptischen Spalten werden von den Neuronen Chemische Transmittersubstanzen ausgeschüttet, die Botschaften von Zelle zu Zelle vermitteln. Innerhalb eines Neurons werden die Botschaften elektrisch weiter geleitet.

Bereit im sechsten Schwangerschaftsmonat ist die Entstehung und Platzierung der Neuronen abgeschlossen. Sie differenzieren sich und übernehmen ihre Funktionen in dem sie Verbindungen mit benachbarten Nervenzellen eingehen. Hiernach benötigen die Zellen Stimulierung um überleben zu können. Werden sie von der Umgebung erregt, entwickeln sie immer neue Synapsen. Es kommt also zu jenen sehr ausgedehnten Verbindungssystemen, die uns unsere komplexen Fähigkeiten geben. Neuronen, die nicht oder nur selten in einen Erregungszustand versetzt werden, sterben entweder ab oder werden in eine Art Ruhezustand gesetzt, um in der Zukunft für entwicklungsrelevante Prozesse zur Verfügung zu stehen.

Für das schnelle Gehirnwachstum des Säuglings und Kleinkindes sind also nicht die Neuronen verantwortlich. Hierfür sorgen die Gliazellen, aus denen etwa die Hälfte des Gehirns besteht. Diese dienen der Verbesserung der Erregungsleitung, so dass Botschaften schneller und effizienter weitergeleitet werden können. Dieses Wachstum der Gliazellen sorgt für den extremen Sprung des Gehirngewichts, welches bei der Geburt etwa 30 % nach zwei Jahren aber schon etwa 70 % des Gewichts eines Erwachsenengehirns erreicht.

Die größte und komplexeste Struktur unseres Gehirns ist die Großhirnrinde. Hierin befinden sich die meisten Neuronen und Synapsen, und sie ist verantwortlich für unsere einzigartige Intelligenz. Jedoch ist die Großhirnrinde auch derjenige Bereich des Gehirns, der am längsten im Wachstum begriffen ist. Man nimmt an, dass dieser Bereich für Umwelteinflüsse wesentlich länger empfänglich bleibt als jedes andere Hirnareal. Die Großhirnrinde kann wiederum in verschiedene Bereiche unterteilt werden, die unterschiedliche Funktionen erfüllen. Etwa das Aufnehmen der von den Sinnesorganen ausgehenden Informationen, dem Körper das Signal zu geben sich in Bewegung zu setzen, oder die Fähigkeit des Denkens. Die einzelnen Bereiche der Großhirnrinde entwickeln sich jedoch nicht parallel schnell. So lässt sich z.B. im ersten Lebensjahr ein rascher Schub synaptischen Wachstums in den Bereichen des Gehirns feststellen, die für das Hören und Sehen zuständig sind. Demzufolge  nehmen auch die Fähigkeiten zur akustischen und visuellen Wahrnehmung des Kindes sehr schnell zu.

Einer der letzen Bereiche der Großhirnrinde, der sich entwickelt, sind die Frontallappen. Sie sind der Bereich, der für das Denken zuständig ist - insbesondere für das Bewusstsein, die Impulshemmung sowie die Verhaltensregulation durch bewusstes Planen. Im Alter von zwei Jahren funktionieren diese Bereiche mit zunehmender Effektivität. Die Bildung, das Zurechtstutzen oder das Eindämmen von Synapsen in den Frontallappen sind ein viele Jahre andauernder Prozess. Die Zahl der Synapsen, die ein Erwachsener haben wird, wird etwa im 15. Lebensjahr erreicht.80

Es ist mittlerweile bekannt, dass das Gehirn schubweise wächst. Diese Schübe finden statt im Alter von drei bis vier Monaten, in der das Kind sich normalerweise Objekten zuwendet und nach ihnen greift; im Alter von acht Monaten, wenn das Kind zu krabbeln beginnt, um nach verborgenen Gegenständen zu suchen; um den 12. Monat nach der Geburt, wenn es anfängt zu laufen und weiter fortgeschrittenes Suchverhalten zeigt;  und zwischen 1 1/2 und 2 Jahren, wenn die Sprachentwicklung in vollem Gange ist. Es ist ganz entscheidend das Gehirn in den Phasen zu stimulieren, in denen es sich am schnellsten entwickelt. Unzulängliche Stimulation von Säuglingen und Kleinkindern führen zur Beeinträchtigung der Entwicklung.

Das rapide Hirnwachstum bringt ebenfalls mit sich, dass sich  die Strukturen des Wach - Schlaf - Rhythmus zwischen Geburt und Ende des zweiten Lebensjahres grundlegend verändern. Auch Weinen und Quengeln nehmen ab.  Es ist weniger die Gesamtzeit des benötigten Schlafes die sich verändert (ein zweijähriges Kind schläft noch immer zwischen 12 und 13 Stunden) sondern die Verlängerung der Wach- bzw. Schlafperioden. In dieser Zeit passt sich das Kind zunehmend einem Tag - Nacht - Rhythmus an.

Obwohl diese wechselnden Erregungsmuster ihre Ursache im Hirnwachstum haben, hat auch die soziale Umwelt des Kindes eine Auswirkung. Es ist leider in westlichen Ländern Usus geworden, das Kind spätestens ab dem dritten oder vierten Monat zu isolieren und es zum Durchschlafen zu bringen. Auf diese Weise wird es bis an die Grenzen seiner neurologischen Kapazitäten gefordert, denn erst Mitte des ersten Lebensjahres ist die Ausschüttung von Melatonin, einem Hormon, das zu Schläfrigkeit beiträgt, in der Nacht höher als am Tag.


Das körperliche Wachstum


Das Wachstum des Körpers wie auch andere Bereiche der Entwicklung resultieren au einem komplexen Zusammenspiel von genetischen und umweltbedingten Faktoren. Vererbung, Ernährung und emotionales Wohlbefinden wirken sich auf das frühe Wachstum des Kindes aus.

Die Erbanlagen haben Einfluss auf das körperliche Wachstum, d.h. auf die Körpergröße und das Körpergewicht. Jedoch spielt hierbei auch die Umwelt, also in den beiden ersten Jahren besonders die Ernährung, eine wichtige Rolle. Der Kalorienverbrauch eines Kindes ist in den ersten beiden Lebensjahren, bezogen auf sein Körpergewicht, etwa doppelt so hoch wie der eines Erwachsenen. Hiervon gehen etwa ein Viertel in das Körperwachstum, der Rest wird für die Funktionserhaltung der schnell wachsenden Organe gebraucht.

Wir haben bereits im Vorfeld erwähnt, dass in den ersten sechs Monaten die Muttermilch die einzige Nahrung für das Kind sein sollte. Auch über diesen Zeitraum hinaus kann und sollte das Kind gestillt werden. Eine ausführliche Zusammenstellung über Beikost und Babynahrung finden Sie in den entsprechenden Kapiteln.

Es ist wichtig zu wissen, dass zwischen einer möglichen Überfütterung und Übergewicht im Erwachsenenalter nur geringfügige Zusammenhänge bestehen. Bei den meisten Kindern wächst der Babyspeck im Krabbel- oder Kleinkindalter aus. Man kann bei Kleinkindern jedoch schon ein bestimmtes Essverhalten entwickeln, welches sich auch in das Erwachsenenalter übertragen kann. So sollten kalorienreiche Nahrungsmittel in denen sich Unmengen gesättigter Fettsäuren, Zucker oder Salz verbergen vermieden werden. Hierzu gehören Süßigkeiten, zuckerhaltige Limonaden, Pommes Frites etc. Wenn solche Nahrungsmittel dem kleinen Kind regelmäßig zur Verfügung stehen, wird das Kind eine Vorliebe hierfür entwickeln. Auch sollte vermieden werden Essen als Ablenkung, Beruhigung, Trost oder Belohnung einzusetzen. Mit körperlicher Aktivität kann man ebenfalls einer übermäßigen Gewichtszunahme vorbeugen. Wenn das Kleinkind gelernt hat zu gehen, zu klettern und zu rennen, sollten die Eltern dieses natürliche, mit Freude verbundene Gewahrsein des eigenen Körpers und der Kontrolle darüber unterstützen, indem sie dem Kind Möglichkeiten bieten, sich auszutoben.

Es gibt jedoch Entwicklungsverzögerungen oder -störungen, die nicht organisch bedingt sind. Sie entsteht aus einem Mangel an liebevoller Hinwendung und /oder mangelnder Anregung von Seiten der Eltern in der Regel im Alter von 18 Monaten. Meistens sind es bestimmte Begleiterscheinungen im Umfeld der Eltern, wie Eheprobleme, Stress etc., die diese nicht die notwendige Energie aufbringen lässt die psychischen Bedürfnisse des Kindes zu erfüllen. Wenn diese Störungen nicht im frühen Kleinkindalter behoben werden, bleiben die meisten betroffenen Kinder in ihrem Wachstum zurück und haben andauernde kognitive und emotionale Schwierigkeiten.



Die ersten Erfahrungen des Kindes


Erfahrungen sind einerseits die Erlebnisse im Sinne eines wahrgenommenen Ereignisses und andererseits die Gesamtheit aller aus Wahrnehmungen, Sinneseindrücken und kognitiven Prozessen der Auseinandersetzung mit der Umwelt und sich selbst erworbenen Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, also das, was in unserem Gedächtnis haften bleibt, abrufbar ist und schließlich angewendet werden kann. Das Baby kommt mit einem „programmierten“ Lernvermögen auf die Welt, das ihm hilft sofort von Erfahrungen zu profitieren. Ein Säugling lernt durch klassische oder operante Konditionierung. Wir werden die beiden Arten des Lernens nachfolgend intensiver beleuchten. Außerdem lernt das Baby aufgrund seiner natürlichen Vorliebe für immer neue Reize. Des Weiteren lernt es schon kurz nach der Geburt durch Beobachten anderer Menschen, wodurch es ziemlich schnell z.B. Gesichtsausdrucke nachahmen kann.



Die klassische Konditionierung

Wir haben Anfangs bereits über die natürlichen Reflexe eines Neugeborenen gesprochen. Verbindet sich ein solcher Reflex mit einem bestimmten neuen Reiz, bewirkt alleine der neue Reiz das Verhalten. Dies wird an Hand des folgenden Beispiels verdeutlicht:

Die süße der Muttermilch (UCS) ruft einen Saugreflex (UCR) hervor.

Um zu einem Lernen zu führen, wird dem Kind ein neutraler Reiz, der nicht zu dem vorher beschrieben Reflex führt, unmittelbar vor oder parallel zum UCS geboten.

Das Streicheln verbindet sich im Gehirn des Kindes mit dem Geschmack der Milch. Wenn ein Lernen stattgefunden hat, wird der neutrale Reiz für sich allein schon eine Reaktion hervorrufen, die dem angeborenen Reflex sehr ähnlich ist.

Der neutrale Reiz hat sich zu einem bedingten Reiz (CS) entwickelt und ruft eine bedingte Reaktion (CR) hervor. Auch außerhalb der Stillsituation wird ein Streicheln der Stirn künftig zu einem Saugverhalten führen.

Viele von Ihnen werden dieses Model vom „Pawlowschen Hund“ kennen. Wird der bedingte Reiz (CS) wiederholt ohne nachfolgenden unbedingten Reiz (UCS) dargeboten, so wird die Reaktion (CR) immer schwächer und bleibt schließlich ganz aus. Der CS hat seinen Signalcharakter für den US verloren, diesen Vorgang bezeichnet man als Extinktion (Löschung). Wird jedoch der Vorgang mit dem unbedingten Reiz (UCS) zu einem späteren Zeitpunkt wiederholt, so tritt häufig erneut die konditionierte Reaktion auf (spontane Erholung), wenn auch in geringerer Intensität als vor der ersten Extinktion.

Aus Pawlows Theorie folgt streng genommen, dass ein einmal gelernter Reflex niemals komplett gelöscht werden kann. Er wird durch das Ausbleiben des US lediglich gehemmt. Diese Hemmung ist zunächst nicht dauerhaft, dadurch kommt es zum Phänomen der spontanen Erholung des Reflexes. Der Begriff Extinktion wurde von Pawlow selbst nie verwendet; er schrieb stets von Hemmung und Abschwächung. In der englischen Übersetzung wurde daraus extinction. Da Pawlows Werke dann aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt wurden (statt direkt aus dem Russischen), etablierte sich der Übersetzungsfehler auch im Deutschen als Fachausdruck (Extinktion oder Löschung).

Emotional - motivationale Reaktionen sind häufig sehr widerstandsfähig gegenüber Löschung. So gibt es z.B. Fälle, in denen Kinder und auch Erwachsene zuweilen auch vor relativ kleinen Hunden Angst empfinden, obwohl unangenehme Erlebnisse mit solchen Tieren überhaupt nicht mehr erinnert werden können.


Die operante Konditionierung

Bei der operanten Konditionierung wirkt das Baby direkt auf seine Umwelt ein. Es wird aus der Beziehung zwischen einer Reaktion und ihren Konsequenzen gelernt. Lernen wird also durch seine Konsequenzen kontrolliert. Bei ,,positiven" Konsequenzen wird das Verhalten beibehalten, bei ,,negativen" Konsequenzen werden die Verhaltensweisen nicht wiederholt. Auch hier möchte ich Ihnen ein Beispiel nennen:

Stellen wir uns vor ein Baby möchte auf den Arm genommen werden.

Wenn ein solcher Handlungsablauf häufiger geschieht, was wird dann das Baby lernen? Das Baby wird gleich anfangen zu ,,brüllen", wenn es auf den Arm ,,will". Es hat nach dem Modell des operanten Konditionierens gelernt.

Die operante Konditionierung wirkt sich sehr schnell auf die wechselseitigen Reaktionen von Eltern und Baby aus. Wenn das Kind in die Augen der Bezugsperson blickt, schaut der Erwachsene es an und lächelt und das Kind erwidert daraufhin das Lächeln. Das Verhalten beider Partner in dieser Interaktion verstärkt die Reaktion des jeweilig anderen. Daraus folgend werden beide diese lustvolle Interaktion fortführen.

Säuglinge bedienen sich all ihrer Möglichkeiten ihre Umwelt zu erkunden und auf sie einzuwirken, in dem Bemühen, die Bedürfnisse nach Nahrung, Stimulation und sozialen Kontakten gestillt zu bekommen. Ist diese Umwelt desorganisiert und das Verhalten des Kindes führt nicht zu den erwarteten Ergebnissen, sind schwerwiegende Folgen wie geistige Zurückgebliebenheit, Apathie oder Depression möglich.



Die Habituierung

Habituierung bezeichnet eine einfache (und beim Menschen in der Regel nicht bewusste) Form des Lernens. Habituierung setzt ein, wenn ein Individuum wiederholt einem Reiz ausgesetzt ist, der sich als unbedeutend erweist. Die Reaktion auf diesen Reiz schwächt sich dann allmählich ab und unterbleibt schließlich womöglich völlig. Jedoch kann ein neuer Reiz bewirken, dass die Reaktionsbereitschaft auf ein hohes Niveau zurückkehrt, eine Steigerung die als Diahabituierung bezeichnet wird.

Zeigt man einem Baby wiederholt ein Foto so wird sich zunächst eine Habituierung und danach eine Dishabituierung einstellen, sobald ein neues Foto eingeführt wird. Das Baby wird sich an den alten Reiz erinnern und den zweiten als neu unterscheiden. Es wird stärker auf das neue Foto reagieren. Diese Tatsache wird für viele Untersuchungen der kognitiven Fähigkeiten von Säuglingen angewendet.


Die Nachahmung

Von Geburt an lernt das Neugeborene durch das Nachahmen der Gesten und Gesichtsausdrücke anderer Personen. Es ist bis heute nicht nachgewiesen, ob es sich hierbei um einen natürlichen Reflex oder eine willentliche Fähigkeit handelt. Unter Verwendung der Nachahmung erkunden Kleinkinder ihre soziale Umwelt und lernen die Menschen in ihrem Umfeld besser kennen, indem sie sich auf deren Verhaltensweisen einstimmen. Bei diesem Prozess beginnt das Kind Ähnlichkeiten zwischen seinen eigenen Handlungen und den Handlungen anderer zu bemerken und lernt sich auf diese Weise besser kennen. Durch dieses Verhalten können Eltern das Kind dazu bewegen, wünschenswerte Verhalten zu zeigen, und es in der Folge weiter dazu zu ermutigen. In der Regel wirkt sich die Fähigkeit der Nachahmung sehr positiv auf die Eltern - Kind - Beziehung aus, da diese Handlungen häufig etwas lustvolles an sich haben.

 

 

Die motorische Entwicklung


In den ersten beiden Lebensjahren machen Kinder sehr große Fortschritte sowohl in der Grob- als auch in der Feinmotorik. In der nachfolgenden Tabellen können Sie nachlesen, in welchen durchschnittlichen Alter Säuglinge und Kleinkinder die verschiedenen Fähigkeiten annehmen.

Motorische Fähigkeit Durchschnittliches Alter, in dem die Fähigkeit normalerweise erreicht wird Altersspanne, in der 90 % der Kinder über diese Fähigkeit verfügen
Kann den Kopf ohne Hilfe aufrecht halten, wenn man den Säugling aufrichtet  6 Wochen  3 Wochen - 4 Monate
Kann sich in der Bauchlage selbst mit den Armen abstützen 2 Monate  3 Wochen - 4 Monate
Kann sich aus der Seitenlage auf den Rücken drehen  2 Monate  3 Wochen - 5 Monate
Greift nach einem Bauklotz  3 Monate 3 Wochen  2 - 7 Monate
Kann sich von der Rückenlage auf die Seite drehen  4 Monate 2 Wochen  2 - 7 Monate
Sitzt alleine  7 Monate  5 - 9 Monate
Kann krabbeln  7 Monate  5 - 11 Monate
Richtet sich zum stehen auf  8 Monate  5 - 12 Monate
Spielt Backe - backe - Kuchen  9 Monate 3 Wochen  7 - 15 Monate
Kann allein stehen  11 Monate  9 - 16 Monate
Läuft ohne Hilfe  11 Monate 3 Wochen  11 - 17 Monate
Baut einen Turm aus zwei Bauklötzen  11 Monate 3 Wochen  10 - 19 Monate
Kritzelt viel  14 Monate  10 - 21 Monate
Kann ohne Hilfe eine Treppe hinaufklettern  16 Monate  12 - 23 Monate
Kann auf einer Stelle hüpfen  23 Monate 2 Wochen  17 - 30 Monate
Kann auf Zehenspitzen laufen  25 Monate 16 - 30 Monate

 

Sie könne sehen, dass das Alter, in dem eine bestimmte Fähigkeit erworben wird durchaus variieren kann. Auch erwirbt sich jedes Kind diese Fähigkeiten auf ganz individuelle Weise. Die wichtigste Fähigkeit für das Baby ist mit Sicherheit das Greifen. Hierdurch kann es Objekte bewegen und beobachten und somit seine Umwelt erkunden. Diese Fähigkeit entwickelt sich innerhalb des ersten Jahres sehr: es kann in einem abgedunkelten Raum einen Gegenstand ergreifen, dann nur mit einem Arm und schließlich nach etwa einem halben Jahr sogar Objekte, die sich bewegen. Sie greifen dann zielgerichtet und können zum Ende des ersten Lebensjahres auch ihren Daumen als Gegenpart zu den anderen Fingern einsetzen. Ein wichtiger Entwicklungsschritt ist nun getan und es gilt sich Neuem zuzuwenden. Das Kind wendet sich nun Ereignissen zu, die vor oder nach dem Erreichen eines Gegenstandes liegen. Sie lernen Gegenstände gezielt zu suchen und zu finden und lösen somit ihre ersten kleinen Probleme.

Auch hier ist es wichtig das Kind zu stimulieren. Es darf aber nicht gedrängt werden, denn dies kann die Entwicklung wichtiger motorischer Fähigkeiten untergraben. Ratschläge zur Förderung der motorischen Entwicklung finden Sie hier.



Die Entwicklung der Wahrnehmung


Säuglinge sind sehr empfindlich für Schmerz. Diese hohe Empfindsamkeit, besonders um den Mund herum, auf den Handflächen und an den Fußsohlen, macht sie jedoch auch positiv aufnahmefähig für Berührungen. Berührungen stimulieren das frühe körperliche Wachstum und die emotionale Entwicklung. Babys können auch zwischen verschiedenen Grundgeschmäckern unterscheiden.  Sie mögen natürlich besonders süß. Dies ist auch wichtig, denn die Nahrung, die die Babys in den ersten Monaten ausschließlich bekommen sollten, ist die süß schmeckende Milch aus der Brust der Mutter.

Bei vielen Säugetieren spielt der Geruchssinn eine wichtige Rolle beim Füttern und im Schutz der Jungen vor wilden Tieren, indem er Müttern und Babys hilft, sich gegenseitig zu erkennen. Obwohl der Geruchssinn beim Menschen weniger gut entwickelt ist, bleiben Spuren seiner Bedeutung für das Überleben bestehen. Studien bewiesen, dass Neugeborene, welche die Wahl haben zwischen dem Geruch des Fruchtwassers ihrer eigenen Mutter und dem einer anderer Mutter, sich eher der vertrauten Flüssigkeit zuwenden. Der Geruch des mütterlichen Fruchtwassers ist tröstend, Babys, die ihm ausgesetzt werden schreien weniger als solche Babys, die es nicht sind.

Unmittelbar nach der Geburt drängen sich Babys, die mit dem Gesicht nach vorne zwischen die Brüste der Mutter gelegt werden, spontan an eine Brust und beginnen innerhalb einer Stunde zu saugen. Wenn eine Brust gewaschen wurde, um ihren natürlichen Geruch zu entfernen, greifen die meisten Neugeborenen zur ungewaschenen Brust und beweisen damit, dass sie vom Geruch geleitet werden.

Bereits Mitte des vierten Schwangerschaftsmonats ist das Ohr des Ungeborenen vollständig ausgebildet. Der Gehörsinn stellt faktisch die einzige Brücke zur Außenwelt dar. So können sie natürlich auch nach der Geburt eine Vielzahl von Geräuschen hören und dabei sogar Klangmuster erkennen - Äußerungen mit zwei,im Gegensatz zu solchen mit drei Silben, die Betonungsmuster von Wörtern wie ma - ma versus ma  - ma und eine heiter klingende Sprache im Gegensatz zu einer Sprache mit ärgerlichen, traurigen oder neutralen Klangmustern. Während sie den Erwachsenen in ihrer Umgebung zuhören, lernen sie sich auf bedeutsame Lautvariationen ihrer Muttersprache zu konzentrieren.  

Bereits mit etwa sechs Monaten beginnen Babys nicht gebräuchliche Laute auszusieben. Sie legen nun den Schwerpunkt auf größere Spracheinheiten, die notwenig sind um das zu verstehen, was sie hören. Sie analysieren dabei die Lautmuster und unterscheiden in Silben, die häufig zusammen auftreten von denen, die selten miteinander auftreten. Auch Muster in Wortfolgen werden nun bereits erkannt. Dies sind alles die Grundlagen zum Erlernen der Grammatik ihrer Muttersprache.

Die Sehfähigkeit von Neugeborenen ist noch sehr begrenzt. Dinge die 20 - 30 cm entfernt sind können sie am besten wahrnehmen. Sie sehen sehr unscharf und nehmen weinige Details wahr, da sie ihre Augen nicht so gut fokussieren wie Erwachsene.  Bei der Geburt nehmen Neugeborene einen Gegenstand in einer Entfernung von 6 Metern so genau wahr, wie Erwachsene bei einer Entfernung von 120 m. Zusätzlich sehen neugeborene Babys über eine große Bandbreite von Entfernungen unscharf. Daher sehen Dinge, wie das Gesicht der Eltern, sogar aus großer Nähe ziemlich verschwommen aus. Dennoch entdecken sie ihre Umwelt sehr aktiv.  Dies geschieht durch Abtasten interessanter Dinge oder visueller Verfolgung sich bewegender Gegenstände. Mit etwa zwei Monaten können Babys aber schon fast wie Erwachsene Gegenstände fokussieren, weil sie nun die Augen parallel bewegen können. Auch die Unterscheidung  von Farben ist jetzt möglich. Mit etwa sechs Monaten hat das Baby etwa 30% der Sehschärfe eines Erwachsenen erreicht und eine Sensibilität für bildhafte Tiefenhinweisreize entwickelt. Dies ist absolut notwendig um jetzt endlich mit dem Krabbeln beginnen zu können. Mit einem Jahr beträgt die Sehscärfe etwa 50% und bis zum viereten Lebensjahr dann 100% eines Erwachsenen.

In der nachfolgenden Tabelle ist die Entwicklung der visuellen Wahrnehmung im ersten Lebensjahr dargestellt:

  Geburt - 1 . Monat 2. - 4. Monat 5. - 12. Monat
Tiefen-wahrnehmung
  • Sensibilität für Schlüsselreize wie Bewegung
  • Sensibilität für binokulare Schlüsselreize
  • Sensibilität für bildhafte Schlüssereize; Vorsicht bei Höhe
Wahrnehmung von Mustern
  • Vorliebe für Muster mit großen Elementen
  • Visuelle Erkundung auf Grenzen von Reizen und einzelne Merkmale beschränkt
  • Visuelle Erkundung des gesamten Reizes einschließlich innerer Merkmale
  • Elemente von Mustern werden in ein Ganzes organisiert
  • Wahrnehmung zunehmend komplexer bedeutsamer Muster
Wahrnehmung des Gesichts
  • Vorliebe für ein einfaches, gesichtsähnliches Muster
  • Vorliebe eines komplexen gesichtsähnlichen Musters über andere ebenso komplex Muster
  • Vorliebe für das Gesicht der Mutter gegenüber dem Gesicht einer nicht vertrauten Frau
  • Fähigkeit, Fotos von Gesichtern fremder Personen zu unterscheiden
  • Fähigkeit, emotionalen Ausdruck als bedeutsames Ganzes wahrzunehmen

 

Von Beginn an haben Babys die Fähigkeit einer intermodalen Wahrnehmung. Das heisst, die sind in der Lage mehrere Dinge gleichzeitig wahrzunehmen. Während des ersten Jahres kombinieren sie schnell über sensorische Modalitäten hinweg. oft sogar nach nur einer Exposition in einer neuen Umgebung. Wahrnehmung amodaler Beziehungen (so wie gleiches Tempo und Rhythmus von Bildern und Geräuschen) haben Vorrang und geben möglicherweise die Grundlage ab für die Wahrnehmung anderer intermodaler Verbindungen.

Zusammengefasst kann man sagen, dass die Entwicklung der kindlichen Wahrnehmung eine Fülle an unterschiedlichen Leistungen beinhaltet. Eleanor und James Gibson haben daraus die Gibson´sche Differierungstheorie entwickelt. Hiernach ist die Wahrnehmungsentwicklung ein Feld der Wahrnehmung von invarianten Merkmalen in einer sich ständig verändernden Wahrnehmungswelt. Das Handeln in der Welt spielt eine wesentliche Rolle für die Wahrnehmungsdifferenzierung. Andere Forscher entscheiden sich für eine stärker kognitive und konstruktivistische Sichtweise und nehmen an, dass Säuglinge in sehr frühem Alter Dingen, die sie wahrnehmen, eine Bedeutung verleihen. Viele Forscher integrieren diese beiden Sichtweisen zu einem einheitlichen theoretischen Ansatz.

 

Zahnen


Nicht alle Kinder spüren etwas, wenn es seinen ersten Zahn bekommt. So kann es für die Eltern eine Überraschung sein, wenn sie bei ihrem Baby das erste Zähnchen entdecken.


Das ist nicht bei allen so. Wenn sich, ungefähr im sechsten Monat, das Zahnen anbahnt, kann für Ihr Baby und Sie eine unangenehme Zeit beginnen. (Wie bei allen anderen Entwicklungsschritten auch, kann der Zeitpunkt des Zahnens von Kind zu Kind sehr verschieden sein. Es ist auch nicht ungewöhnlich, wenn das Zahnen in Schüben vor sich geht). Der Kieferknochen fängt an zu spannen, er fühlt sich fest und hart an. Geschwollenes Zahnfleisch macht dem Baby zu schaffen. Denn es juckt und tut weh. Ihr Kind wird unruhiger, schläft schlechter, quengelt mehr als gewöhnlich. Manchmal bekommt es Fieber. Als Eltern brauchen Sie jetzt noch mehr Geduld als sonst.


Bedenken Sie, dass nicht jedes Unwohlsein, nicht jedes Fieber Ihres Kindes mit dem Zahnen zusammenhängen muss. Im Zweifelsfall fragen Sie lieber den Arzt, vor allem auch, wenn Ihr Kind fiebert.


Fängt Ihr Baby an, stark zu sabbern, können Sie davon ausgehen, dass das Zahnen beginnt. Seine Bäckchen können sich sehr röten. Außerdem beißt es jetzt auf allem herum, was es in die Finger bekommt. Zunächst unterstützt alles Feste, auf dem Ihr Baby herumbeißen kann, seine Zahngeburt. Nicht nur ein gekühlter Beißring, auch ein festes Stück kaltes Obst oder Gemüse helfen. Bevor Sie Ihrem Baby allerdings Eiswürfel anbieten, fragen Sie den Arzt oder die Ärztin, ob das im speziellen Fall sinnvoll ist. Grundsätzlich lindert das Herumkauen auf einem festen Gegenstand, zum Beispiel auf einer harten Brotrinde oder dem Stiel eines Löffels, den Kieferdruck. Damit kann der Schmerz beim Zahnen zumindest eingeschränkt werden.

Wohl gibt es eine Reihe von Medikamenten, die schmerzlindernd wirken. Nur fragen Sie den Arzt oder die Ärztin, bevor Sie Ihrem Kind Tropfen oder Gelees aus der Apotheke geben. Auch wenn es sich um homöopathische Mittel handelt sollten Sie möglichst darauf verzichten. In vielen Fällen hilft ein Kamillen- oder Salbeitee. Tragen Sie ihn mit einem Wattestäbchen auf die schmerzende Schleimhaut auf (natürlich kann er auch getrunken werden). Achten Sie darauf, dass die Tees nicht gesüßt sind! Der Zucker kann bereits das gerade durchgestoßene Zähnchen schädigen. Ihr Arzt oder Ihre Ärztin wird Ihnen, wenn Sie danach fragen, zuckerfreie Mittel nennen können, die das Zahnen Ihres Babys erleichtern.

Die ersten Zähnchen Ihres Kindes, das so genannte Milchgebiss, müssen genauso gepflegt werden wie später das Erwachsenengebiss. Das vollständige Milchgebiss besteht aus 20 Zähnen, die alle geputzt und von Essensresten befreit werden müssen. Sie können damit aber bereits beim ersten Zahn beginnen. Säubern Sie ihn mit Watte oder einem Läppchen. Die erste Baby-Zahnbürste kann schließlich zum Einsatz kommen,wenn Ihr Kind vier bis fünf Zähne hat. Übrigens reinigt auch ungesüßter(!) Tee, den Ihr Kind nach dem Essen trinkt, seine Zähne. Sie tun viel für das Gebiss Ihres Kindes, wenn Sie seiner Nahrung so wenig Zucker wie möglich beimischen. Verzichten Sie auch darauf, Ihrem Baby das Einschlafen zu versüßen. Nachdem die Zähne vor dem Schlafengehen gesäubert sind, sollte es nichts mehr zu essen bekommen.

Daumenlutschen oder das Saugen am Schnuller, das eine oder das andere braucht jedes Baby. Es ist ein so genanntes Urbedürfnis. Sie haben sicher gesehen, dass Ihr Baby direkt nach der Geburt schmatzt und sein Mündchen spitzt. Es will saugen. Jedem Baby ist ein Saugreflex angeboren. Er sorgt schließlich dafür, dass es automatisch das Richtige tut, wenn es gestillt wird oder die Flasche bekommt. Aber nicht nur das. Saugen und nuckeln tröstet Ihr Kind auch. Es bereitet ihm Lust. Es entspannt sich dabei. Vielleicht ist Ihnen nicht wohl bei dem Gedanken, dass Ihr Kind am Daumen oder am Schnuller lutscht. Zu viel haben Sie schon darüber gehört, dass beides zur Fehlstellung des Kiefers und/oder der Zähne führt. Andererseits haben Sie sicher beobachtet, dass sich ein Baby immer etwas sucht, an dem es saugen kann. Bekommt es keinen Schnuller, wird es seinen Daumen, einen Finger, die ganze Hand, den Zipfel der Bettdecke dafür hernehmen. Lassen Sie Ihr Baby also ruhig am Daumen lutschen. Er hat den Vorteil, dass er immer greifbar ist, nie verlegt werden kann. Manche Kieferorthopäden meinen, dass der Schnuller zum Saugen geeigneter sei. Er ist weicher und kiefergerecht geformt. Wenn Sie sich für den Schnuller entscheiden, säubern Sie ihn häufig. Vor allem in den ersten Lebensmonaten Ihres Kindes. Mit Sicherheitszeichen versehene Schnuller lassen sich auskochen und öfter waschen, ohne in Einzelteile zu zerfallen. Trotzdem sollten Sie ihn hin und wieder durch einen neuen ersetzen.

 

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Weitere Informationen zu diesem Thema zur Ansicht oder Download:

 

Meilensteine der Entwicklung in den beiden ersten Lebensjahren